Beginn einer neuen Anatomie


Traditionell machen sich Studierende der Medizin in der Anatomie mit dem menschlichen Organismus durch "Wegnehmen" vertraut. Erst lösen sie von der Leiche die Haut ab, dann entfernen sie Muskel um Muskel an den Gliedmaßen, schließlich Brust- und Bauchwand. Nach Entnahme der Organe wird der Rest bis auf die Knochen und Bänder – wie es bezeichnenderweise heißt – "herunterpräpariert". Die Anatomie ist ein medizinisches Lehrfach, das – wie Fachlexika es so oder ähnlich definieren – auf der Zergliederung von Toten basiert und sich mit Form, Bau und Struktur des menschlichen Körpers bis in feinste Details des Gewebes einschließlich funktionaler Aspekte und der vorgeburtlichen Entwicklung befasst.

In diesem Sinne unterscheidet sich die Plastination zunächst in keiner Weise von der herkömmlichen Anatomie. Allerdings ermöglicht die innovative Konservierungsform völlig neuartige Präparat-Typen. Durch die Verfestigung der Kunststoffe können z. B. die normalerweise schlaffen Muskeln Haltefunktionen übernehmen und den Körper entweder zur Gänze in ungewöhnlichen Stellungen oder auch in verschiedenen Stadien der anatomischen Präparation erhalten. Der Körper lässt sich sogar – zerlegt in jeweils interessierende Teilstücke – in alle Raumrichtungen ausdehnen. Damit werden Zwischenräume geschaffen, die informative Ein- und Durchblicke eröffnen sowie sonst verborgene strukturelle Zusammenhänge erkennen lassen.

Plastinate übertreffen in ihrer Aussagekraft – eben weil sie aus natürlichen, individuell gewachsenen Körpern bestehen – künstliche dreidimensionale Modelle des menschlichen Organismus, die nun einmal schematisiert sein müssen. Mitunter zeigen sie sogar mehr als unbehandelte anatomische Präparate. In transparenten Körperscheiben beispielsweise lassen sich feinste Nervenverläufe in die Tiefe verfolgen, und die graue Substanz von Gehirnscheiben grenzt sich besser gegen das weiße Mark ab als in dem frischen Organ. Die mikroskopisch kleinen Zellverbände behalten, wenn die physikalisch-chemische Behandlung richtig durchgeführt wird, ihre ursprüngliche Form. So werden Plastinate zu einer optisch sehr ansprechenden, die funktionalen Strukturen optimal verdeutlichenden Darstellungsform des konservierten Körpers.