Der Hut des Anatomen

"Rembrandts Gemälde des Anatomen Dr. Nicolaes Tulp illustriert den bei anatomischen Künstlern der Renaissance verbreiteten Brauch, einen Hut zu tragen – und diesen selbst während einer Autopsie nicht abzunehmen. Sie strichen so ihre Unabhängigkeit von den gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit heraus.

Seit über fünfzehn Jahren ist mein physisches Selbstbild mit einem schwarzen Hut verbunden. Seither hat die Frage, warum ich einen Hut trage, viele Diskussionen auf ein triviales Niveau gebracht. Oft wird mir unterstellt, ich trüge einen Hut, um Joseph Beuys nachzuahmen. Jeder Vergleich mit dem Objektkünstler ist jedoch an den Haaren herbeigezogen – mein Hut hat nichts mit ihm zu tun. Eher entspricht meiner Hutgewohnheit schon der exzentrische Engländer Jeremy Bentham (1748–1832), ein Zeitgenosse Goethes, der sich als Rechtsgelehrter und Philosoph dafür aussprach, dass Körper mit dem Tode nicht plötzlich zu nutzlosen Gegenständen werden sollten. Auch ist mein Hut keine Marke; er steht vielmehr für etwas vollständig anderes. Ich bin von ganzem Herzen Demokrat und Individualist. Die Stärke unserer westlichen Demokratie liegt darin, dass sie den Individualismus fördert, ganz nach dem Motto: Leben und leben lassen."

 

Gunther von Hagens

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn: "Die Anatomievorlesung des Dr. Nicolaes Tulp"